Call for Paper

Tagung "Haus — Geschlecht — Sicherheit. Diskursive Formierungen in der Frühen Neuzeit"

Teilprojekt: C03 — Das 'Haus' als Sicherheit

Donnerstag - Samstag // 26. - 28. März 2020

 

In der Forschung besteht Einigkeit darüber, dass dem Haus für die Organisation der frühneuzeitlichen Gesellschaft eine zentrale Bedeutung sowohl als Nucleus der gesellschaftlichen (und göttlichen) Weltordnung als auch in seiner Funktion als Rahmen der Geschlechterordnung zukam. Das Haus bildete seit dem 15. Jahrhundert den faktischen sowie symbolischen Kontext individueller Lebensführung in der Familie und war zugleich durch seine ökonomischen, erzieherischen, gemeindlichen und ästhetischen Funktionen ein wesentlicher Garant wie auch Prototyp sozialer Stabilität. Da diese Stabilität aber nicht per se gegeben war, sondern in der tagtäglichen Performanz immer wieder neu hergestellt werden musste, war das Haus zugleich ein Schauplatz potenziell destabilisierender Situationen. Das bedeutete hinsichtlich der dem Haus zugeschriebenen Sicherheitsleistungen eine hohe Ambivalenz. Diese lag zum einen in seiner Doppelfunktion als Subjekt (Sicherheit bietender Raum) und als Objekt (als zu sichernder Raum) begründet. Zum anderen bestand ein hohes Gefährdungspotenzial darin, dass die täglichen Routinen und Praktiken nicht erfolgreich waren und dann nicht nur keine Sicherheit boten, sondern vielmehr eine Gefahr für die soziale Stabilität darstellten. Die genaue Analyse dieser Zusammenhänge, ihrer diskursiven Ausgestaltung in der Verklammerung unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilbereiche wie Ökonomie, Recht, Theologie, Politik, visueller Kultur und Kunst steht nach wie vor aus.

Die Tagung fragt aus der Perspektive der skizzierten Stabilitätsfunktion des Hauses nach den unterschiedlichen Ebenen und Ausgestaltungen dieser Sicherheitsleistungen bzw. Sicherheitsbedrohungen. Die Mehrdimensionalität des Hauses als Gebäude, soziale Gruppe und gesellschaftliches Ordnungsmodell spielt hierbei eine zentrale Rolle denn, dadurch sind Referenzrahmen für ganz unterschiedliche Konzepte, Reichweiten, Instrumente und Strategien zur Herstellung von Sicherheit und Stabilität bzw. Bedrohungs- und Gefährdungspotenziale gegeben.

Im Zentrum unseres Interesses stehen die zahlreichen schriftlichen und visuellen Diskurse, mittels derer über das Haus und seine ambivalenten Sicherheitsleistungen reflektiert wurde; Diskurse, die in der Frühen Neuzeit normierend wirkten, aber auch von sozialen Praktiken und Herausforderungen sowie gestalterischen Konventionen respektive Innovationen geformt und verändert wurden. Ausgehend von der Feststellung, dass jede Konstruktion von Sicherheit(en) immer auch ihr Gegenteil, nämlich Unsicherheit(en), in sich trägt, ja, auf sie angewiesen ist, lässt sich fragen nach: 

  • der Ausgestaltung der Geschlechterordnung im Kontext des Hauses als übergeordnete Form gesellschaftlicher Sicherheitsleistung bzw. als Ordnungsmodell;
  • konkreten geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen, Rollenmodellen und Rollenerwartungen, durch die alltägliche Performanz sowohl hinsichtlich der ökonomischen wie erzieherischen und pflegerischen Tätigkeiten sichergestellt werden sollte;
  • der Formulierung topischer Situationen, die als besonders prekär wahrgenommen respektive postuliert wurden (Geschwätzigkeit/ Kommunikation, Gefallsucht/standesgemäße Kleidung, Gewalttätigkeit/ Hauszucht, Trinkgelage/Gastfreundschaft)
  • der Verknüpfung dieser Situationen mit spezifischen räumlichen Anordnungen zu liminalen Zonen (Fenster, Türen, Schwellen, Zäune, Feuerstellen, Bett, Küche, Stube, Hof etc.).

Im interdisziplinären Austausch soll der Fokus auf der Trias Haus – Geschlecht – Sicherheit liegen und neue Zugänge zur Thematik eröffnen. Eine zentrale Frage wird sein, wie sich der Begriff „Domestizierung“ hinsichtlich dieser Trias verorten und ggfs. neu analytisch einsetzen lässt. Unter „Domestizierung“ soll ein Prozess verstanden werden, der die unterschiedlichen
Ebenen gesellschaftlicher Ordnungsleistung über hausbezogene Normen, Formen, Topoi und Gestaltungsmaßnahmen miteinander verbindet und den jedes Individuum in seiner Sozialisation erfährt. Idealerweise gewährleistet „Domestizierung“ einen mehr oder minder beständigen Ordnungszustand, also eine kultivierte, mit genauen Rollen, Platzzuweisungen,
Funktionen und Routinen versehene Haus- und folglich auch Gesellschaftsordnung.

Von besonderem Interesse ist die Identifizierung dieser Formen und Topoi, Rollen und Routinen über Diskurs- und Mediengrenzen hinweg, um herauszuarbeiten, inwieweit und auf welche Weise die unterschiedlichen Modi des Reflektierens, Normierens und Transformierens aufeinander Bezug nehmen, sich ergänzen oder widersprechen, so dass von Dynamik der „Domestizierung“ – im Sinne von (Ver-)Sicherung gesprochen werden kann.

Der Workshop wird ausgerichtet von dem am SFB/TRR 138 „Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive“ beteiligten interdisziplinären Teilprojekt C03 — Das Haus als Sicherheit und die (Un-)Sicherheit der Geschlechter (Leitung: Prof. Dr. Inken Schmidt-Voges, Geschichte der Frühen Neuzeit, Philipps-Universität Marburg / Prof. Dr. Sigrid Ruby, Institut für Kunstgeschichte, JLU Gießen). Beiträge aus allen historisch arbeitenden Disziplinen sind willkommen.

Wir erbitten Vorschläge (Vortragstitel und Abstract, max. 1 Seite) bis zum 31. Juli 2019 an John Egle, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.g.de.

 

 

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Tagung "Haus — Geschlecht — Sicherheit. Diskursive Formierungen in der Frühen Neuzeit"

Teilprojekt: C03 — Das 'Haus' als Sicherheit

Donnerstag - Samstag // 26. - 28. März 2020

 

In der Forschung besteht Einigkeit darüber, dass dem Haus für die Organisation der frühneuzeitlichen Gesellschaft eine zentrale Bedeutung sowohl als Nucleus der gesellschaftlichen (und göttlichen) Weltordnung als auch in seiner Funktion als Rahmen der Geschlechterordnung zukam. Das Haus bildete seit dem 15. Jahrhundert den faktischen sowie symbolischen Kontext individueller Lebensführung in der Familie und war zugleich durch seine ökonomischen, erzieherischen, gemeindlichen und ästhetischen Funktionen ein wesentlicher Garant wie auch Prototyp sozialer Stabilität. Da diese Stabilität aber nicht per se gegeben war, sondern in der tagtäglichen Performanz immer wieder neu hergestellt werden musste, war das Haus zugleich ein Schauplatz potenziell destabilisierender Situationen. Das bedeutete hinsichtlich der dem Haus zugeschriebenen Sicherheitsleistungen eine hohe Ambivalenz. Diese lag zum einen in seiner Doppelfunktion als Subjekt (Sicherheit bietender Raum) und als Objekt (als zu sichernder Raum) begründet. Zum anderen bestand ein hohes Gefährdungspotenzial darin, dass die täglichen Routinen und Praktiken nicht erfolgreich waren und dann nicht nur keine Sicherheit boten, sondern vielmehr eine Gefahr für die soziale Stabilität darstellten. Die genaue Analyse dieser Zusammenhänge, ihrer diskursiven Ausgestaltung in der Verklammerung unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilbereiche wie Ökonomie, Recht, Theologie, Politik, visueller Kultur und Kunst steht nach wie vor aus.

Die Tagung fragt aus der Perspektive der skizzierten Stabilitätsfunktion des Hauses nach den unterschiedlichen Ebenen und Ausgestaltungen dieser Sicherheitsleistungen bzw. Sicherheitsbedrohungen. Die Mehrdimensionalität des Hauses als Gebäude, soziale Gruppe und gesellschaftliches Ordnungsmodell spielt hierbei eine zentrale Rolle denn, dadurch sind Referenzrahmen für ganz unterschiedliche Konzepte, Reichweiten, Instrumente und Strategien zur Herstellung von Sicherheit und Stabilität bzw. Bedrohungs- und Gefährdungspotenziale gegeben.

Im Zentrum unseres Interesses stehen die zahlreichen schriftlichen und visuellen Diskurse, mittels derer über das Haus und seine ambivalenten Sicherheitsleistungen reflektiert wurde; Diskurse, die in der Frühen Neuzeit normierend wirkten, aber auch von sozialen Praktiken und Herausforderungen sowie gestalterischen Konventionen respektive Innovationen geformt und verändert wurden. Ausgehend von der Feststellung, dass jede Konstruktion von Sicherheit(en) immer auch ihr Gegenteil, nämlich Unsicherheit(en), in sich trägt, ja, auf sie angewiesen ist, lässt sich fragen nach: 

  • der Ausgestaltung der Geschlechterordnung im Kontext des Hauses als übergeordnete Form gesellschaftlicher Sicherheitsleistung bzw. als Ordnungsmodell;
  • konkreten geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen, Rollenmodellen und Rollenerwartungen, durch die alltägliche Performanz sowohl hinsichtlich der ökonomischen wie erzieherischen und pflegerischen Tätigkeiten sichergestellt werden sollte;
  • der Formulierung topischer Situationen, die als besonders prekär wahrgenommen respektive postuliert wurden (Geschwätzigkeit/ Kommunikation, Gefallsucht/standesgemäße Kleidung, Gewalttätigkeit/ Hauszucht, Trinkgelage/Gastfreundschaft)
  • der Verknüpfung dieser Situationen mit spezifischen räumlichen Anordnungen zu liminalen Zonen (Fenster, Türen, Schwellen, Zäune, Feuerstellen, Bett, Küche, Stube, Hof etc.).

Im interdisziplinären Austausch soll der Fokus auf der Trias Haus – Geschlecht – Sicherheit liegen und neue Zugänge zur Thematik eröffnen. Eine zentrale Frage wird sein, wie sich der Begriff „Domestizierung“ hinsichtlich dieser Trias verorten und ggfs. neu analytisch einsetzen lässt. Unter „Domestizierung“ soll ein Prozess verstanden werden, der die unterschiedlichen
Ebenen gesellschaftlicher Ordnungsleistung über hausbezogene Normen, Formen, Topoi und Gestaltungsmaßnahmen miteinander verbindet und den jedes Individuum in seiner Sozialisation erfährt. Idealerweise gewährleistet „Domestizierung“ einen mehr oder minder beständigen Ordnungszustand, also eine kultivierte, mit genauen Rollen, Platzzuweisungen,
Funktionen und Routinen versehene Haus- und folglich auch Gesellschaftsordnung.

Von besonderem Interesse ist die Identifizierung dieser Formen und Topoi, Rollen und Routinen über Diskurs- und Mediengrenzen hinweg, um herauszuarbeiten, inwieweit und auf welche Weise die unterschiedlichen Modi des Reflektierens, Normierens und Transformierens aufeinander Bezug nehmen, sich ergänzen oder widersprechen, so dass von Dynamik der „Domestizierung“ – im Sinne von (Ver-)Sicherung gesprochen werden kann.

Der Workshop wird ausgerichtet von dem am SFB/TRR 138 „Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive“ beteiligten interdisziplinären Teilprojekt C03 — Das Haus als Sicherheit und die (Un-)Sicherheit der Geschlechter (Leitung: Prof. Dr. Inken Schmidt-Voges, Geschichte der Frühen Neuzeit, Philipps-Universität Marburg / Prof. Dr. Sigrid Ruby, Institut für Kunstgeschichte, JLU Gießen). Beiträge aus allen historisch arbeitenden Disziplinen sind willkommen.

Wir erbitten Vorschläge (Vortragstitel und Abstract, max. 1 Seite) bis zum 31. Juli 2019 an John Egle, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.g.de.