Podiumsdiskussion: "Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?"

in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk

Mittwoch, 5. Juli 2017 // 18.00 (c.t.) - 20.00 Uhr

Aula der Alten Universität, Marburg

 

 

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TeilnehmerInnen

  • Ralf Beste
    Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt
  • Prof. Dr. Eckart Conze
    Lehrstuhl für Neueste Geschichte (19./20. Jhdt.), Philipps-Universität Marburg
    Stellvertretender Sprecher des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Bischof Martin Hein
    Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
  • Prof. Dr. Christoph Kampmann
    Lehrstuhl für Neuere Geschichte/Frühe Neuzeit, Philipps-Universität Marburg
    Sprecher des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Dr. Angela Marciniak
    Wissenschaftliche Koordinatorin des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Omid Nouripour, MdB
    Außenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag

Moderation

  • Stefan Ehlert
    Hessischer Rundfunk

 

Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?

Im Herbst vergangenen Jahres hat der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine vielbeachtete Rede zur Eröffnung des Hamburger Historikertages gehalten. Im Mittelpunkt der Rede standen die historische Erfahrung europäischer Friedensstiftung und konkret der Westfälische Friede von 1648. In eindrucksvoller Weise legte Steinmeier dar, wie sehr trotz aller unleugbarer Unterschiede von Einst und Jetzt die handelnde Politik und Diplomatie von den Erfahrungen in Westfalen profitieren können, wenn es um die Lösung aktueller Kriege und Krisen (in diesem Falle konkret der verheerenden Kriegskatastrophe in Syrien) gehe.

Die Steinmeier-Rede hat breites Echo in der Öffentlichkeit gefunden, zweifellos auch deshalb, weil durch einen führenden politischen Akteur die historische Erfahrung von Krieg und Frieden vergangener Epochen mit aktuellen Weltkrisen in Verbindung gebracht wurde. Dies war für viele überraschend: Hatte es doch lange Zeit, insbesondere nach dem Ende des Kalten Kriegs, den Anschein gehabt, dass das eine mit dem anderen nichts mehr zu tun habe, dass wir mit strukturell ganz unterschiedlichen Epochen internationaler Politik und internationalen Krisenmanagements konfrontiert werden. Die Zeit der europäischen Kriege zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert schien sehr weit weg zu sein. Ein deutlicher Indikator für diese verbreitete Haltung war und ist das Verschwinden des Begriffs Frieden aus der Diskussion internationaler Politik. Er schien Sonntagsrednern und Ostermarschierern vorbehalten, während die praktisch handelnde Politik nur noch von internationaler Sicherheit sprach. Auch in Teilen der Politikwissenschaft ist bereits seit einiger Zeit mit klarer normativer Stoßrichtung diskutiert worden, „Sicherheitslogik“ und „Friedenslogik“ zu unterscheiden und zu konstatieren, dass erstere die zweite zunehmend verdrängt. 

Jüngste Entwicklungen werfen freilich die Frage auf, ob das kein vorschneller Schluss war. Und dabei sind keineswegs nur die gerade genannten Verwerfungen im Nahen und Mittleren Osten gemeint. Zu denken ist vielmehr auch an die Konfrontationen zwischen den Mächten im Fernen Osten, aber nicht zuletzt an Vorgänge in unserer eigenen Weltregion, dem europäisch-atlantischen Raum: Sind doch auch hier unverkennbar Tendenzen zu beobachten, sich von den mühsam aufgebauten Strukturen bi- und multilateraler Zusammenarbeit zu verabschieden, ja, mit ihnen demonstrativ und radikal zu brechen und zu einer nationalstaatlich geprägten Mächtepolitik zurückzukehren. Ist es nicht dringend Zeit – so wäre vor diesem Hintergrund zu fragen – wieder stärker die klassische Frage nach der Bewahrung des Friedens und der Gefahr des Krieges in den Fokus der Betrachtung zu rücken?

Gerade der Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“, der den rasanten Aufstieg von Sicherheit als Leitvorstellung epochenübergreifend und interdisziplinär untersucht, sieht es als seine Aufgabe an, auch die Frage nach der Rückkehr des Friedensthemas zu diskutieren. Dies ist der Anstoß zu einer Podiumsdiskussion, die der Sonderforschungsbereich gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk am Mittwoch, 5. Juli 2017, 18.00 (c.t.) in der Alten Aula der Philipps-Universität Marburg veranstaltet. In einem konstruktiven Austausch wollen Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Gesellschaft, Diplomatie und Wissenschaft die Thematik erörtern, wobei verschiedene, auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelte Aspekte der Problematik „Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?“ in den Blick genommen werden sollen.

So stellt sich zum Beispiel die Frage nach den zentralen Unterschieden zwischen „Sicherheit“ und „Frieden“ sowie nach den politisch-gesellschaftlichen Folgen, die eine sich wandelnde Präsenz der Konzepte in politischen wie auch akademischen Debatten mit sich bringen kann. Zugleich geht es darum, ob durch die jüngsten Entwicklungen die Rolle und die Verantwortlichkeiten Deutschlands und Europas für die Schaffung stabiler Friedensstrukturen gänzlich neu diskutiert werden müssen. Und schließlich ist darüber nachzudenken, was das alles für die künftige Kooperation zwischen handelnder Politik, gesellschaftlicher Gruppen wie Kirchen und (historischer) Wissenschaft heißt.

 

 

 

Workshop "Sicherheitsdidaktiken im 20. Jahrhundert"

Donnerstag - Freitag // 13. - 14. Juli 2017

Lehrstuhl für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhundert an der Universität Leipzig
in Kooperation mit dem SFB/TRR 138, Teilprojekt C07 „Sicherheit als siebter Sinn“

 

Ort: Geisteswissenschaftliches Zentrum der Universität Leipzig (GWZ), Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig, Raum 5216

Teilnahme: Anmeldung bitte bis zum 07.07.2017 per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!en.de

 

  

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↓ Programm  

↓ Konzept  

 

 

Programm

Donnerstag, 13.07.2017

// 13.00 Uhr

  • Dirk van Laak (Leipzig) / Kai Nowak (Gießen): Begrüßung und Einführung

// 13.30 Uhr

  • Sonja Levsen (Freiburg): „Untertanengeist“ und „Autoritarismus“. Gefahrendiagnosen und didaktische Antworten in der westdeutschen Demokratieerziehung nach 1945
  • Claudia Kemper (Hamburg): Gewalteinhegung und Affektkontrolle. Konflikte um Friedenserziehung in den 1970er und 1980er Jahren

// Kaffeepause

// 15.30 Uhr

  • Nina Kleinöder (Düsseldorf): Zwischen Propaganda und Programm. Medien des betrieblichen Arbeitsschutzes in der Stahlindustrie (1920er bis 1970er Jahre)
  • Franziska Rehlinghaus (Potsdam): „Den Erfolg sicher machen“. Zur Eliminierung von Kontingenz als Weiterbildungsziel

// Kaffeepause

// 17.30 Uhr

  • Kai Nowak (Gießen): Vom Vernunftappell zur Verkehrsgewöhnung. Sicherheitsdidaktischer Wandel in der schulischen Verkehrserziehung in Westdeutschland 1950-1980
  • Stefan Esselborn (München): Nukleare Sicherheitsdidaktiken. Der „Faktor Mensch“ in der kerntechnischen Sicherheitsdebatte in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren

// Gemeinsames Abendessen



Freitag, 14.07.2017

// 9.00 Uhr

  • Andrej Stephan (Halle): „Polizei muß heute wie ein Waschmittel verkauft werden“ vs. „Fahnden und forschen“. Ausbildungsaspekte und sicherheitspolitisches Präventionsdenken seit Ende der 1950er Jahre
  • Cornelia Grosse (Potsdam): Die Apokalypse erklären. Aufklärungskampagnen zum zivilen Bevölkerungsschutz in der frühen Bundesrepublik

// Kaffeepause

// 11.00 Uhr

  • Anita Winkler (Zürich): Die Qual der Wahl. Film und Sexualaufklärung zwischen Selbstbestimmung und Risikomanagement im Zeitalter der "Sexuellen Revolution"
  • Anja Laukötter (Berlin): Sicherheitsdidaktiken in „Zeiten der Angst“? Konzepte, Strategien und (filmische) Praktiken der frühen AIDS-Prävention in der Bundesrepublik und der DDR

// 12.30 Uhr

  • Abschlussdiskussion

 

 

 

Konzept

Sicherheit in unsicheren Umwelten herzustellen, war im 20. Jahrhundert ein wesentliches Ziel von Technik, Planung und Steuerung. Im Mittelpunkt dieser Bemühungen stand zumeist der Mensch; er war sowohl Objekt als auch Subjekt unzähliger Konzepte, Strategien und Maßnahmen, mit denen versucht wurde, den (Lebens-)Risiken der Moderne zu begegnen. Ob großangelegte Versuche im Geiste eines Social Engineering in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder die Verlagerung von Verantwortlichkeiten ins Subjekt, etwa durch Techniken der Selbstführung, in der zweiten Hälfte – stets ging es darum, den „menschlichen Faktor“ handhabbar zu machen und die schwer zu
kalkulierende Kontingenz menschlichen Verhaltens als Ursache von Unsicherheit zu reduzieren. Sicherheitsbezogene Praktiken hielten Einzug in den Alltag der Menschen ebenso wie Einrichtungen zur Vermittlung entsprechender Kenntnisse und Fertigkeiten. Das Einüben risikoaverser Verhaltensweisen wurde zu einer wichtigen Aufgabe im Rahmen von Sozialisation und Bildung.

Vor diesem Hintergrund fragt der Workshop in vergleichender Perspektive nach den historischen Wandlungen von Theorien des Lehrens und Lernens in sicherheitsbezogenen Unterrichtsfeldern und ihren spezifischen methodischen Umsetzungen. Sicherheitsdidaktiken, so ließe sich definieren, sollen die Lernenden zu erwünschten Verhaltensanpassungen im Sinne eines Zugewinns an Sicherheit bzw. der Vermeidung von Risiken motivieren. Zentraler Untersuchungsgegenstand sind Unterrichtskonzeptionen und -inhalte sowie der Aufbau und die Gestaltung von Lehrmaterialien. Jedoch beschränken sich Sicherheitsdidaktiken nicht auf schulische Kontexte, sondern sind in jeder Art von Lernumfeld (vorschulischer Bereich, Erwachsenenbildung, Selbststudium, öffentliche Kampagnen) und jeder Art von Medien (Präsenzunterricht, klassische Lehrbücher, Massenmedien, Plakate, Objekte) anzutreffen. Neben
theoretisch-methodischen Konzepten nimmt der Workshop unterschiedliche Modi der Appellation sowie der Evidenz- und Legitimitätsproduktion, Visualisierungsstrategien bis hin zu filmischen Umsetzungen in den Blick. Insbesondere sollen Repräsentationen von Bedrohungen und sicherheitsadäquatem Verhalten sowie Fehlverhalten untersucht werden. Erfordert das Lehren von Sicherheit eine spezifische Ansprache? Welchen Ansätzen liegen welche Menschenbilder und Ordnungsvorstellungen zugrunde? Welche Verhaltensnormen werden jeweils postuliert und auf welche Weise begründet? Wie bewegen sich Sicherheitsdidaktiken in den Spannungsfeldern von Regulierung und Selbstorganisation, von Disziplinierung und Selbstermächtigung? Welche Unterschiede motivieren zur Rede von „Erziehung“, „Aufklärung“ oder „Präventionsarbeit“? Nicht zuletzt geht es um eine kritische Überprüfung der heuristischen und analytischen Potenziale des Begriffs der „Sicherheitsdidaktik“.

Folgende Bereiche sollen auf ihre sicherheitsdidaktischen Konzepte und Praxen hin befragt werden: Arbeitsschutz bzw. betriebliche Unfallverhütung, Kriminalitätsprävention, Zivilschutz, Technische Sicherheit, Verkehrssicherheit, Sexual- und Gesundheitsaufklärung, Demokratieerziehung und Friedenserziehung. Der Workshop konfrontiert ausdrücklich Safety-bezogene Felder mit solchen, die in einem weiter gefassten Bezug zu Security stehen.

Der Workshop soll explorativ gehalten sein und vor allem der gemeinsamen Diskussion dienen. Die Vorträge sollen daher eine Dauer von 20 bis 25 Minuten nicht überschreiten und dürfen durchaus einen vorläufigen Arbeitsstand wiedergeben. So sind insbesondere Beiträge vertreten, die konzeptionelle Überlegungen eng am empirischen Material entwickeln undversuchsweise ausloten, welche speziell auf Sicherheit bezogenen didaktischen Ansätze im betreffenden Bereich zum Einsatz kamen.

 

 

Gastvortrag "Bystanders. Jews and Their Neighbors Respond to Each Other’s Plight in the Carpathian Region and Other Borderlands in World War II Hungary” von Raz Segal (Stockton University)

Donnerstag, 6. Juli 2017 // 16:15 Uhr

in Kooperation mit dem LOEWE‐Projekt "Konfliktregionen im östlichen Europa"

Ort: Vortragssaal des Herder‐Instituts Marburg

Kontakt: Dr. Heide Hein-KirchnerDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

» Download: Programm

 

Information

Bystanders. Jews and Their Neighbors Respond to Each Other’s Plight in the Carpathian Region and Other Borderlands in World War II Hungary 

The Hungarian army rolled into the Carpathian region, as Hungary joined Nazi Germany in destroying Czechoslovakia in late 1938 and early 1939. They came with a mission: to transform this multi‐ethnic and multi‐religious borderland into an integral part of an ethno‐national “Greater Hungary.” This vision translated into mass violence whose first victims were among the majority Slavic population, Carpatho‐Ruthenians; mostly – though not exclusively – members of a local militia that resisted the invading Hungarian troops in March 1939. Hungarian soldiers quickly overpowered them, but went on, for several days, to massacre a few thousand of them, mainly very young men, in some cases in organized killings of prisoners. Jews saw and heard this, and they recounted the violence in their testimonies. My paper examines this instance of bystanders, and it argues that it is linked to another instance of bystanders, five years later, in spring 1944, when Carpatho‐Ruthenians saw and heard the Hungarian authorities swiftly ghettoize, rob, and deport their Jewish neighbors to German hands (and to Auschwitz). Looking beyond a static picture of only one instance, the paper explores the meanings of the position of bystanders when two groups in the same society face different yet related assaults by the same state. What, in other words, did it mean for both Jews and Carpatho‐Ruthenians to witness the Hungarian occupiers destroy their society? While focusing on the Carpathian region, I will address in my lecture these kinds of social dynamics in the other borderland regions that Hungary occupied during World War II.

 

Raz Segal holds a Ph.D. in History from Clark University (the Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, 2013). He is Assistant Professor of Holocaust and Genocide Studies and Sara and Sam Schoffer Professor of Holocaust Studies at Stockton University. Focusing on central and southeast Europe, Dr. Segal is engaged in his work with the challenges of exploring the Holocaust as an integral part of late modern processes of imperial collapse, the formation and occasional deformation of nation‐states, and their devastating impact on the societies they sought to break and remake. He has held, inter alia, a Harry Frank Guggenheim Fellowship, a Fulbright Fellowship, and a Lady Davis Fellowship at the Hebrew University of Jerusalem. His last book is Genocide in the Carpathians: War, Social Breakdown, and Mass Violence, 1914‐1945 (Stanford: Stanford University Press, 2016.

 

 

Kolloquium des Integrierten Graduiertenkollegs (IGK)

Dienstag, 27. Juni 2017, 14 Uhr (st)

Konferenzraum des Gästehauses der Universität Gießen, Rathenaustr. 24 A

 
Das interdisziplinäre Kolloquium dient der Präsentation und gemeinsamen Diskussion der einzelnen Promotionsvorhaben. Auf diese Weise wird eine enge Einbindung der einzelnen Dissertationsprojekte in den übergreifenden Forschungskontext des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit" gewährleistet und ein Teilprojekt- und Disziplinen-übergreifender Austausch der Promovierenden mit den Mitgliedern des SFB/TRR 138 unterstützt.
 

An diesem Termin werden folgende Promovierende ihre Projekte vorstellen und mit uns diskutieren:
Kontakt: Dr. Corinna FelschDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
 
 
 

 

 

Unterkategorien

 

 

Podiumsdiskussion: "Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?"

in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk

Mittwoch, 5. Juli 2017 // 18.00 (c.t.) - 20.00 Uhr

Aula der Alten Universität, Marburg

 

 

» Download: Programm

 

TeilnehmerInnen

  • Ralf Beste
    Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt
  • Prof. Dr. Eckart Conze
    Lehrstuhl für Neueste Geschichte (19./20. Jhdt.), Philipps-Universität Marburg
    Stellvertretender Sprecher des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Bischof Martin Hein
    Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
  • Prof. Dr. Christoph Kampmann
    Lehrstuhl für Neuere Geschichte/Frühe Neuzeit, Philipps-Universität Marburg
    Sprecher des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Dr. Angela Marciniak
    Wissenschaftliche Koordinatorin des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit"
  • Omid Nouripour, MdB
    Außenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag

Moderation

  • Stefan Ehlert
    Hessischer Rundfunk

 

Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?

Im Herbst vergangenen Jahres hat der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine vielbeachtete Rede zur Eröffnung des Hamburger Historikertages gehalten. Im Mittelpunkt der Rede standen die historische Erfahrung europäischer Friedensstiftung und konkret der Westfälische Friede von 1648. In eindrucksvoller Weise legte Steinmeier dar, wie sehr trotz aller unleugbarer Unterschiede von Einst und Jetzt die handelnde Politik und Diplomatie von den Erfahrungen in Westfalen profitieren können, wenn es um die Lösung aktueller Kriege und Krisen (in diesem Falle konkret der verheerenden Kriegskatastrophe in Syrien) gehe.

Die Steinmeier-Rede hat breites Echo in der Öffentlichkeit gefunden, zweifellos auch deshalb, weil durch einen führenden politischen Akteur die historische Erfahrung von Krieg und Frieden vergangener Epochen mit aktuellen Weltkrisen in Verbindung gebracht wurde. Dies war für viele überraschend: Hatte es doch lange Zeit, insbesondere nach dem Ende des Kalten Kriegs, den Anschein gehabt, dass das eine mit dem anderen nichts mehr zu tun habe, dass wir mit strukturell ganz unterschiedlichen Epochen internationaler Politik und internationalen Krisenmanagements konfrontiert werden. Die Zeit der europäischen Kriege zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert schien sehr weit weg zu sein. Ein deutlicher Indikator für diese verbreitete Haltung war und ist das Verschwinden des Begriffs Frieden aus der Diskussion internationaler Politik. Er schien Sonntagsrednern und Ostermarschierern vorbehalten, während die praktisch handelnde Politik nur noch von internationaler Sicherheit sprach. Auch in Teilen der Politikwissenschaft ist bereits seit einiger Zeit mit klarer normativer Stoßrichtung diskutiert worden, „Sicherheitslogik“ und „Friedenslogik“ zu unterscheiden und zu konstatieren, dass erstere die zweite zunehmend verdrängt. 

Jüngste Entwicklungen werfen freilich die Frage auf, ob das kein vorschneller Schluss war. Und dabei sind keineswegs nur die gerade genannten Verwerfungen im Nahen und Mittleren Osten gemeint. Zu denken ist vielmehr auch an die Konfrontationen zwischen den Mächten im Fernen Osten, aber nicht zuletzt an Vorgänge in unserer eigenen Weltregion, dem europäisch-atlantischen Raum: Sind doch auch hier unverkennbar Tendenzen zu beobachten, sich von den mühsam aufgebauten Strukturen bi- und multilateraler Zusammenarbeit zu verabschieden, ja, mit ihnen demonstrativ und radikal zu brechen und zu einer nationalstaatlich geprägten Mächtepolitik zurückzukehren. Ist es nicht dringend Zeit – so wäre vor diesem Hintergrund zu fragen – wieder stärker die klassische Frage nach der Bewahrung des Friedens und der Gefahr des Krieges in den Fokus der Betrachtung zu rücken?

Gerade der Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“, der den rasanten Aufstieg von Sicherheit als Leitvorstellung epochenübergreifend und interdisziplinär untersucht, sieht es als seine Aufgabe an, auch die Frage nach der Rückkehr des Friedensthemas zu diskutieren. Dies ist der Anstoß zu einer Podiumsdiskussion, die der Sonderforschungsbereich gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk am Mittwoch, 5. Juli 2017, 18.00 (c.t.) in der Alten Aula der Philipps-Universität Marburg veranstaltet. In einem konstruktiven Austausch wollen Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Gesellschaft, Diplomatie und Wissenschaft die Thematik erörtern, wobei verschiedene, auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelte Aspekte der Problematik „Sicherheit statt Frieden: Das Ende einer Utopie?“ in den Blick genommen werden sollen.

So stellt sich zum Beispiel die Frage nach den zentralen Unterschieden zwischen „Sicherheit“ und „Frieden“ sowie nach den politisch-gesellschaftlichen Folgen, die eine sich wandelnde Präsenz der Konzepte in politischen wie auch akademischen Debatten mit sich bringen kann. Zugleich geht es darum, ob durch die jüngsten Entwicklungen die Rolle und die Verantwortlichkeiten Deutschlands und Europas für die Schaffung stabiler Friedensstrukturen gänzlich neu diskutiert werden müssen. Und schließlich ist darüber nachzudenken, was das alles für die künftige Kooperation zwischen handelnder Politik, gesellschaftlicher Gruppen wie Kirchen und (historischer) Wissenschaft heißt.

 

 

 

Workshop "Sicherheitsdidaktiken im 20. Jahrhundert"

Donnerstag - Freitag // 13. - 14. Juli 2017

Lehrstuhl für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhundert an der Universität Leipzig
in Kooperation mit dem SFB/TRR 138, Teilprojekt C07 „Sicherheit als siebter Sinn“

 

Ort: Geisteswissenschaftliches Zentrum der Universität Leipzig (GWZ), Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig, Raum 5216

Teilnahme: Anmeldung bitte bis zum 07.07.2017 per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!en.de

 

  

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Programm

Donnerstag, 13.07.2017

// 13.00 Uhr

  • Dirk van Laak (Leipzig) / Kai Nowak (Gießen): Begrüßung und Einführung

// 13.30 Uhr

  • Sonja Levsen (Freiburg): „Untertanengeist“ und „Autoritarismus“. Gefahrendiagnosen und didaktische Antworten in der westdeutschen Demokratieerziehung nach 1945
  • Claudia Kemper (Hamburg): Gewalteinhegung und Affektkontrolle. Konflikte um Friedenserziehung in den 1970er und 1980er Jahren

// Kaffeepause

// 15.30 Uhr

  • Nina Kleinöder (Düsseldorf): Zwischen Propaganda und Programm. Medien des betrieblichen Arbeitsschutzes in der Stahlindustrie (1920er bis 1970er Jahre)
  • Franziska Rehlinghaus (Potsdam): „Den Erfolg sicher machen“. Zur Eliminierung von Kontingenz als Weiterbildungsziel

// Kaffeepause

// 17.30 Uhr

  • Kai Nowak (Gießen): Vom Vernunftappell zur Verkehrsgewöhnung. Sicherheitsdidaktischer Wandel in der schulischen Verkehrserziehung in Westdeutschland 1950-1980
  • Stefan Esselborn (München): Nukleare Sicherheitsdidaktiken. Der „Faktor Mensch“ in der kerntechnischen Sicherheitsdebatte in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren

// Gemeinsames Abendessen



Freitag, 14.07.2017

// 9.00 Uhr

  • Andrej Stephan (Halle): „Polizei muß heute wie ein Waschmittel verkauft werden“ vs. „Fahnden und forschen“. Ausbildungsaspekte und sicherheitspolitisches Präventionsdenken seit Ende der 1950er Jahre
  • Cornelia Grosse (Potsdam): Die Apokalypse erklären. Aufklärungskampagnen zum zivilen Bevölkerungsschutz in der frühen Bundesrepublik

// Kaffeepause

// 11.00 Uhr

  • Anita Winkler (Zürich): Die Qual der Wahl. Film und Sexualaufklärung zwischen Selbstbestimmung und Risikomanagement im Zeitalter der "Sexuellen Revolution"
  • Anja Laukötter (Berlin): Sicherheitsdidaktiken in „Zeiten der Angst“? Konzepte, Strategien und (filmische) Praktiken der frühen AIDS-Prävention in der Bundesrepublik und der DDR

// 12.30 Uhr

  • Abschlussdiskussion

 

 

 

Konzept

Sicherheit in unsicheren Umwelten herzustellen, war im 20. Jahrhundert ein wesentliches Ziel von Technik, Planung und Steuerung. Im Mittelpunkt dieser Bemühungen stand zumeist der Mensch; er war sowohl Objekt als auch Subjekt unzähliger Konzepte, Strategien und Maßnahmen, mit denen versucht wurde, den (Lebens-)Risiken der Moderne zu begegnen. Ob großangelegte Versuche im Geiste eines Social Engineering in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder die Verlagerung von Verantwortlichkeiten ins Subjekt, etwa durch Techniken der Selbstführung, in der zweiten Hälfte – stets ging es darum, den „menschlichen Faktor“ handhabbar zu machen und die schwer zu
kalkulierende Kontingenz menschlichen Verhaltens als Ursache von Unsicherheit zu reduzieren. Sicherheitsbezogene Praktiken hielten Einzug in den Alltag der Menschen ebenso wie Einrichtungen zur Vermittlung entsprechender Kenntnisse und Fertigkeiten. Das Einüben risikoaverser Verhaltensweisen wurde zu einer wichtigen Aufgabe im Rahmen von Sozialisation und Bildung.

Vor diesem Hintergrund fragt der Workshop in vergleichender Perspektive nach den historischen Wandlungen von Theorien des Lehrens und Lernens in sicherheitsbezogenen Unterrichtsfeldern und ihren spezifischen methodischen Umsetzungen. Sicherheitsdidaktiken, so ließe sich definieren, sollen die Lernenden zu erwünschten Verhaltensanpassungen im Sinne eines Zugewinns an Sicherheit bzw. der Vermeidung von Risiken motivieren. Zentraler Untersuchungsgegenstand sind Unterrichtskonzeptionen und -inhalte sowie der Aufbau und die Gestaltung von Lehrmaterialien. Jedoch beschränken sich Sicherheitsdidaktiken nicht auf schulische Kontexte, sondern sind in jeder Art von Lernumfeld (vorschulischer Bereich, Erwachsenenbildung, Selbststudium, öffentliche Kampagnen) und jeder Art von Medien (Präsenzunterricht, klassische Lehrbücher, Massenmedien, Plakate, Objekte) anzutreffen. Neben
theoretisch-methodischen Konzepten nimmt der Workshop unterschiedliche Modi der Appellation sowie der Evidenz- und Legitimitätsproduktion, Visualisierungsstrategien bis hin zu filmischen Umsetzungen in den Blick. Insbesondere sollen Repräsentationen von Bedrohungen und sicherheitsadäquatem Verhalten sowie Fehlverhalten untersucht werden. Erfordert das Lehren von Sicherheit eine spezifische Ansprache? Welchen Ansätzen liegen welche Menschenbilder und Ordnungsvorstellungen zugrunde? Welche Verhaltensnormen werden jeweils postuliert und auf welche Weise begründet? Wie bewegen sich Sicherheitsdidaktiken in den Spannungsfeldern von Regulierung und Selbstorganisation, von Disziplinierung und Selbstermächtigung? Welche Unterschiede motivieren zur Rede von „Erziehung“, „Aufklärung“ oder „Präventionsarbeit“? Nicht zuletzt geht es um eine kritische Überprüfung der heuristischen und analytischen Potenziale des Begriffs der „Sicherheitsdidaktik“.

Folgende Bereiche sollen auf ihre sicherheitsdidaktischen Konzepte und Praxen hin befragt werden: Arbeitsschutz bzw. betriebliche Unfallverhütung, Kriminalitätsprävention, Zivilschutz, Technische Sicherheit, Verkehrssicherheit, Sexual- und Gesundheitsaufklärung, Demokratieerziehung und Friedenserziehung. Der Workshop konfrontiert ausdrücklich Safety-bezogene Felder mit solchen, die in einem weiter gefassten Bezug zu Security stehen.

Der Workshop soll explorativ gehalten sein und vor allem der gemeinsamen Diskussion dienen. Die Vorträge sollen daher eine Dauer von 20 bis 25 Minuten nicht überschreiten und dürfen durchaus einen vorläufigen Arbeitsstand wiedergeben. So sind insbesondere Beiträge vertreten, die konzeptionelle Überlegungen eng am empirischen Material entwickeln undversuchsweise ausloten, welche speziell auf Sicherheit bezogenen didaktischen Ansätze im betreffenden Bereich zum Einsatz kamen.

 

 

Gastvortrag "Bystanders. Jews and Their Neighbors Respond to Each Other’s Plight in the Carpathian Region and Other Borderlands in World War II Hungary” von Raz Segal (Stockton University)

Donnerstag, 6. Juli 2017 // 16:15 Uhr

in Kooperation mit dem LOEWE‐Projekt "Konfliktregionen im östlichen Europa"

Ort: Vortragssaal des Herder‐Instituts Marburg

Kontakt: Dr. Heide Hein-KirchnerDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Information

Bystanders. Jews and Their Neighbors Respond to Each Other’s Plight in the Carpathian Region and Other Borderlands in World War II Hungary 

The Hungarian army rolled into the Carpathian region, as Hungary joined Nazi Germany in destroying Czechoslovakia in late 1938 and early 1939. They came with a mission: to transform this multi‐ethnic and multi‐religious borderland into an integral part of an ethno‐national “Greater Hungary.” This vision translated into mass violence whose first victims were among the majority Slavic population, Carpatho‐Ruthenians; mostly – though not exclusively – members of a local militia that resisted the invading Hungarian troops in March 1939. Hungarian soldiers quickly overpowered them, but went on, for several days, to massacre a few thousand of them, mainly very young men, in some cases in organized killings of prisoners. Jews saw and heard this, and they recounted the violence in their testimonies. My paper examines this instance of bystanders, and it argues that it is linked to another instance of bystanders, five years later, in spring 1944, when Carpatho‐Ruthenians saw and heard the Hungarian authorities swiftly ghettoize, rob, and deport their Jewish neighbors to German hands (and to Auschwitz). Looking beyond a static picture of only one instance, the paper explores the meanings of the position of bystanders when two groups in the same society face different yet related assaults by the same state. What, in other words, did it mean for both Jews and Carpatho‐Ruthenians to witness the Hungarian occupiers destroy their society? While focusing on the Carpathian region, I will address in my lecture these kinds of social dynamics in the other borderland regions that Hungary occupied during World War II.

 

Raz Segal holds a Ph.D. in History from Clark University (the Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, 2013). He is Assistant Professor of Holocaust and Genocide Studies and Sara and Sam Schoffer Professor of Holocaust Studies at Stockton University. Focusing on central and southeast Europe, Dr. Segal is engaged in his work with the challenges of exploring the Holocaust as an integral part of late modern processes of imperial collapse, the formation and occasional deformation of nation‐states, and their devastating impact on the societies they sought to break and remake. He has held, inter alia, a Harry Frank Guggenheim Fellowship, a Fulbright Fellowship, and a Lady Davis Fellowship at the Hebrew University of Jerusalem. His last book is Genocide in the Carpathians: War, Social Breakdown, and Mass Violence, 1914‐1945 (Stanford: Stanford University Press, 2016.

 

 

Kolloquium des Integrierten Graduiertenkollegs (IGK)

Dienstag, 27. Juni 2017, 14 Uhr (st)

Konferenzraum des Gästehauses der Universität Gießen, Rathenaustr. 24 A

 
Das interdisziplinäre Kolloquium dient der Präsentation und gemeinsamen Diskussion der einzelnen Promotionsvorhaben. Auf diese Weise wird eine enge Einbindung der einzelnen Dissertationsprojekte in den übergreifenden Forschungskontext des SFB/TRR 138 "Dynamiken der Sicherheit" gewährleistet und ein Teilprojekt- und Disziplinen-übergreifender Austausch der Promovierenden mit den Mitgliedern des SFB/TRR 138 unterstützt.
 

An diesem Termin werden folgende Promovierende ihre Projekte vorstellen und mit uns diskutieren:
Kontakt: Dr. Corinna FelschDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
 
 
 

 

 

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