Teilprojekt B04 - Die Sicherheit des Staates und die Sicherheit vor dem Staat in Europa, Russland und den USA im 19. Jahrhundert

Bild: Darstellung von Kotzebues Ermordung 1819, die der Anlass für die Repressionen durch die Karlsbader Beschlüsse war (kolorierter zeitgenössischer Kupferstich). (Quelle: <a href="http://http://http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ermordung_August_von_Kotzebues.jpg#">Wikimedia Commons</a>)

 

Der Schutz politischer Führungsfiguren und ihrer Berater war schon immer eine besonders wichtige Aufgabe innerer Sicherheit. Die tiefgreifenden Veränderungen der “Sattelzeit” (Reinhart Koselleck) um 1800 stellten die herrschenden Sicherheitsregime jedoch vor besondere Herausforderungen. Denn mit der Entstehung alternativer politischer Ordnungsentwürfe wurden in der Person von Staatsoberhäuptern, Regie­rungen und Volksvertretern auch die politischen Ordnungen angegriffen, die sie repräsentierten und auf­recht­er­hiel­ten. Deshalb geht das geplante Teilprojekt der Frage nach, wie die von den Veränderungen der Sattelzeit zuerst und unmittelbar betroffenen Gesellschaften – Europa, Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika – sicherheitspolitisch auf die kollektive und individuelle Gewalt reagierten, die ein immanenter Bestandteil der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und der Ausbildung des Nationalstaats war. Es behandelt also die Sicher­heits­maß­nahmen, mit denen Staatsoberhäupter, Regierungen, führende Politiker und betroffene Bevölkerungsgruppen auf die Revolutionen, Ge­gen­re­vo­lu­tio­nen und Aufstände um 1800 reagierten, um sich und ihre ge­sell­schafts­poli­tische Ordnung zu schützen. Dabei behandelt das Pro­jekt den Zeitraum von etwa 1770 bis 1830, also vom Ancien Régime über die revolutionäre Ära und die Zeit der Revolutions- und Napoleonischen Kriege bis hin zum Wiener Kongress und der Zeit der Restauration.

Bild: Regiment Garde zu Fuß 1812. (Quelle: <a href="commons.wikimedia.org/wiki/File:1812_Regiment_Garde_zu_Fuss.jpg#">Wikimedia Commons</a>)
Bild: Regiment Garde zu Fuß 1812.

Konkret liegt der Fokus des Teilprojekts auf der Entstehung und Entwicklung der revolutionären und restaurativen Sicherheitsregime. Ein Arbeitsvorhaben innerhalb des Teilprojekts vergleicht auf exemplarische Weise die Sicherheitspraxis und –kultur in der Amerikanischen und Französischen Revolution, ein zweites untersucht anhand ausgewählter Beispiele die sicher­heits­politischen Reaktionen europäischer Monarchien. Die drei Schlüsselbegriffe des Sonderforschungsbereichs – Kommu­ni­ka­tions­pro­zesse, Raum und Akteure – leiten die Analyse. Das heißt, dass 1) der Diskurs über die Sicherheit von Staats­ober­häuptern und Regierungsangehörigen einerseits sowie der allgemeinen Bevölkerung andererseits, 2) die mate­ri­el­le Umgebung von Staatsoberhäuptern und ihren Sicherheitsexperten sowie 3) die Si­cher­heits­exper­ten selbst (etwa Sicherheits- und Überwachungskomitees, Eliteregimenter, Gar­den, reguläre und irre­gu­lä­re Milizen oder die entstehende Geheimpolizei) und ihre Praktiken die pri­mären Gegenstände der Untersuchung darstell­en.

Bild: The Bostonians Paying the Excise-man, or Tarring and Feathering. (Quelle: <a href="commons.wikimedia.org/wiki/File:Philip_Dawe_(attributed),_The_Bostonians_Paying_the_Excise-man,_or_Tarring_and_Feathering_(1774)_-_02.jpg#">Wikimedia Commons</a>)
Bild: The Bostonians Paying the Excise-man, or Tarring and Feathering.

Übergreifendes Ziel des Teilprojekts ist es, Versicherheitlichungsprozesse, die den Staat und sei­ne Repräsentanten zum Gegenstand haben, sowie ihre Folgen zu unter­su­chen. Hypothese ist erstens, dass Gewalt in Form der Bedrohung von Staats­ober­häup­tern, wichtigen Politikern sowie der poli­tischen Ordnung von zentraler Bedeutung war für den Auf- und Ausbau eines national security state (Michael Hogan) im Europa des 19. Jahrhunderts. Die zweite Hypothese ist, dass die Durchsetzung der Menschen- und Freiheitsrechte von Beginn an mit ihrer sicherheitsbedingten Einschränkung und neuen Formen der Gewalt einherging. Die Versicherheitlichung aufseiten des Staates schuf an anderer Stelle neue Unsicherheiten. Angesichts sozialwissenschaftlicher Analysen vom sicherheitspolitischen Bedeutungsverlust des Nationalstaats fragt das geplante Teilprojekt, wie der Nationalstaat auch und gerade in Bezug auf seine eigene Existenz zum sicher­heits­poli­ti­schen Akteur wurde. Damit zielt es auf die Entstehung des Sicherheitsbegriffs, der bis in die jüngste Vergangenheit Gültigkeit hatte.

 
SFB/TRR 138 “Dynamics of Security” | Wilhelm-Röpke-Str. 6C | 35032 Marburg
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